Ausrüstungsvorschriften

Der Brustschutz im Florettfechten – ein Update zu den neuesten Regelungen der FIE ab 2018

Kürzlich hat die FIE neue Ausrüstungsvorschriften hinsichtlich der im Damen- (und ggf. Herrenflorett) zu verwendenden Brustprotektoren erlassen. Für mehr Informationen über die dahinterstehende Problematik (inklusive ein klein wenig Geschichte des Florettfechten) sowie praktische Informationen zum Kauf, hier klicken…

Der Brustschutz – ein unscheinbares Element der Fechtausrüstung?

Auf den ersten Blick ist die Frage gerechtfertigt: Was gibt es über den Brustschutz als Ausrüstungsgegenstand groß an Worten zu verlieren (oder gar einen Blogpost zu schreiben)? Scheinbar gibt es ja nicht viel zu sagen: Es handelt sich beim Brustschutz um eine simple, reinweiße Plastikschale, die durch drei elastische Bänder (eines am Rücken, zwei über den Schultern) gehalten wird und den Großteil ihres Lebens unter mehreren Schichten Kleidung verbringt. Der Hauptbestandteil Polyethylen ist nicht unbedingt ein revolutionäres Material, dem der Ruf des  Außergewöhnlichen anhaftet. Und gemäß der FIE-Ausrüstungsvorschriften ist es ja lediglich für die Damenwelt Pflicht, einen Brustschutz zu tragen, sodass – so könnte man meinen – ohnehin nur (maximal) die Hälfte der Fechter von dieser Angelegenheit überhaupt betroffen ist. Also, Thema beendet? Nun ja, nicht wirklich. Zumindest Florettfechter sollten weiter lesen.

 

Ein bisschen (Fecht-)Geschichte

Trotz seiner Unscheinbarkeit hat der Brustschutz einiges an Diskussionspotential für sich und bot für Fechter und Offizielle fast zehn Jahre lang Anlass zu so mancher Kontroverse. Um die volle Tragweite der Problematik zu erfassen (und die neuen Regelungen der FIE besser zu verstehen), müssen wir ein wenig in der (Fecht-)Geschichte zurückgehen. Genauer gesagt ins Jahr 2005, als sich die technischen Voraussetzungen des Florettfechtens entscheidend änderten: Nach einer kurzen Testphase wurden damals die Kontaktzeiten der Melderanlagen (also die Zeitspanne, welche die Florettspitze auf der gültigen Trefffläche eingedrückt werden muss, bevor die Trefferanzeige aufleuchtet) von 1 bis 5 Millisekunden auf 13-15 Millisekunden erhöht. Auch wenn eine solche Änderung für das bloße Auge kaum wahrnehmbar ist, hatte dies gravierende Auswirkungen auf die Praxis des Florettfechtens: Wie eine ganze Generation Florettfechter, die mit den alten Regeln aufgewachsen war, herausfinden durfte, waren einige Aktionen nun deutlich schwieriger auszuführen oder gar fast naturgemäß zum Scheitern verurteilt. Ein blitzschneller Bingo-Stoß in die Flanke, möglicherweise mit einem kurzen coupé vorab, der vormals fast eine Treffergarantie darstellte, funktionierte nun beispielsweise nicht mehr, weil die Kontaktzeit mit der gegnerischen Trefffläche nicht (mehr) lang genug war. Doch wie einige etwas zu gewitzte Fechter alsbald herausfanden, gab es eine Möglichkeit, wie man – und hier kommt nun der Brustschutz ins Spiel – diese Änderungen der Kontaktzeit zu seinem eigenen (unfairen) Vorteil ausnutzen konnte: Ein heftiger Stoß gegen eine sehr harte und möglichst ebene Oberfläche ließ die Florettspitze nämlich zurückprallen, bevor die nötige Kontaktzeit zum Auslösen der Trefferanzeige erreicht war. In anderen Worten: Mit den neuen Einstellungen konnte man die Melder gleichsam ‚austricksen‘, sodass sie einen eigentlich gültigen Treffer nicht anzeigten. Und wie konnte man seinem Gegner eine möglichst „abprallfreudige“ Trefffläche darbieten? Ganz genau, indem man einen Brustschutz trug. Ironischerweise funktionierte dies besonders gut im Herrenflorett, da die glatte und ebene Oberfläche des Männerbrustschutzes im Gegensatz zu den gerundeten Formen der Damenmodelle etwaige Treffer besonders leicht zurückprallen ließ. Daher ließ sich eben im Jahr 2005 ein plötzlicher Anstieg der Verkaufszahlen von Brustschutz-Modellen für Herren beobachten, wobei einige (Florett-)Fechter ihren neu erworbenen ‚Panzer‘ sogar direkt unter der E-Weste trugen. Die FIE (und mit ihr die meisten nationalen Fechtverbände) reagierte umgehend, indem sie im Regelwerk vorschrieb, dass der Brustschutz, zumindest im Florett, auf jeden Fall unter dem Plastron zu tragen war, wie es seitdem in Abschnitt m.25.4.c des FIE-Reglements festgehalten ist:

Der Gebrauch eines Brustschutzes (aus Metall oder einem anderen festen Material) ist für Frauen obligatorisch, für Männer fakultativ. Im Florett ist der Brustschutz unter der Schutzweste zu tragen.

Diese Regeländerung milderte die Problematik insofern ab, als die Fechter nun de facto dazu verpflichtet waren, ihren Brustschutz unter mindestens drei Lagen Stoff (Unterziehweste, Fechtjacke und E-Weste) zu tragen, die gewissermaßen als „Puffer“ fungierten und dadurch die Florettspitze beim Treffer weniger leicht zurückprallen ließen. Ein gesunder Gruppenzwang („Wenn du mit Brustschutz fichtst, trage ich auch einen. Oder wir legen ihn beide ab“) tat sein übriges, um zumindest im Herrenflorett die Lage ein wenig zu verbessern.

 

Aber das Grundproblem blieb bestehen, und zwar sowohl im Herren- als auch (in geringerem Ausmaß) im Damenflorett: Unter bestimmten Umständen und je nach Trefferwinkel bestand nach wie vor die Gefahr, dass die Melderanlage Treffer nicht zu 100% korrekt registierte. Dies galt umso mehr, als der Brustschutz in dieser Hinsicht gleich doppelt problematisch war (wie jeder, der schon einmal Übungen zur Verbesserung der Spitzenführungen mit einem Partner mit Brustschutz durchgeführt hat, leicht nachvollziehen können wird): In der Tat bestand bei einem Treffer direkt auf den Brustschutz nicht nur Gefahr, dass die Spitze zurückprallte; sie konnte auch einfach an ihm entlanggleiten und außerhalb der gültigen Treffläche auf dem Arm des Gegners landen. Nicht wirklich toll in einem ‚echten‘ Gefecht auf Punkte… Und speziell letzteres Problem wurde mit dem Aufkommen der extra-leichten Florett-E-Westen umso dringlicher, da diese durch ihre glatte, ja fast rutschige Oberfläche einer gleitenden Spitze weniger Widerstand boten.

 

Es musste also etwas getan werden – doch was? Den Brustschutz komplett aus dem (Florett-) Fechten zu verbannen, war natürlich aus verständlichen Sicherheitsbedenken nicht möglich. Aber auch ein Verbot lediglich im Herrenflorett wäre keine Alternative gewesen, da es, insbesondere bei den Senioren, einen gewissen (kleinen) Anteil an männlichen Fechtern gab, die aus medizinischen Gründen schlicht auf einen Brustschutz angewiesen waren. Hätte man von all diesen verlangt, ein ärztliches Attest für die Notwendigkeit eines Brustschutzes vorzulegen, wäre dies nicht nur eine Verletzung der Privatsphäre gewesen und hätte unheimlich viel Zeit gekostet; es hätte möglicherweise die betroffenen Fechter auch unter Generalverdacht gestellt, dass sie sich auf unsportliche Art und Weise doch irgendwie einen ungerechten Vorteil verschaffen wollten. Nein, eine andere Lösung musste gefunden werden. Eine, die das Problem an der Wurzel packte – und diese war ja nicht der Brustschutz an sich, sondern seine harte Oberfläche.

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Zurück zur heutigen Situation: Die neuen FIE-Ausrüstungsvorschriften zum Brustschutz

Und damit sind wir nun wieder in der Gegenwart…oder vielmehr am Ende des Jahres 2017, als die FIE auf ihrem Kongress in Dubai genau diese Fragestellung anging und neue Regeln formulierte.

Der neue Wortlaut von Abschnitt m. 25. 4. c des FIE-Reglements lautet nun folgendermaßen:

Im Florettfechten hat der Brustschutz folgende Eigenschaften aufzuweisen: Die komplette Außenseite des Brustschutzes (die Seite, die dem Gegner zugewandt ist) muss mit einem weichen Material wie EVA (Ethylenvinylacetat) von vier Millimeter Dicke und einer Dichte von 22kg/m3 bedeckt sein. (Das Material kann an den aktuellen Plastikmodellen angebracht werden oder im Produktionsprozess neuen Brustschutzmodellen hinzugefügt werden). Das Material muss das technische Prüfzeichen der SEMI-Kommision in der Mitte der oberen Kante tragen.

[Hinweis für unsere deutschen Leser: Wie der Deutsche Fechter-Bund in seinem Rundschreiben vom 20. Januar mitgeteilt hat, wird das FIE-Reglement bis auf weiteres nicht mehr ins deutsche übersetzt und nur der Wortlaut der englischen bzw. französischen oder spanischen Versionen, die auf der Webseite der FIE veröffentlicht werden, ist bindend. Daher betrachtet obige Übersetzung bitte als Hilfestellung für das Original, das wir euch hier noch einmal abdrucken

„At foil, the protector will have the following characteristics: The entire outside of the chest protector (the side facing the opponent) must be covered with a soft material such as E.V.A. (Ethylene vinyl acetate) of four mm thickness and density of 22kg/m3. (The material can be attached to the current  plastic models or incorporated into the manufacture of new chest protectors). The material must have the SEMI technical mark at the centre of the upper edge.”]

 

Zusammenfassung – Die neue Regelung auf einen Blick

Wenn du Florett fichtst und (als Frau verpflichtend, als Mann freiwiliig) einen Brustschutz trägst und (beginnend mit den diesjährigen Weltmeisterschaften der Kadetten und Junioren) an offiziellen FIE-Wettbewerben teilnehmen willst, musst du deinen Brustschutz aufrüsten, indem du eine weiche Abdeckung anbringst, die die oben beschriebenen Eigenschaften hat.

Hier einige Bilder des Prototypen dieser Polsterung von unserer Zuliefererfirma QP Sports, vertrieben unter dem Namen „FoilGuard“:

Prototyp eines Brustschutzes mit FoilGuard und bisheriges Modell im Vergleich

 

Detailaufnahme des Prototypen

 

Wo und wie kaufen?

Leon Paul wird die FoilGuard-Polsterung an unserem Verkaufsstand bei den Weltmeisterschaften der Kadetten und Junioren in Verona erstmalig verkaufen und sie in der Folge auf den verschiedenen Landeswebseiten anbieten, sobald das Produkt in ausreichender Menge verfügbar ist, um die Nachfrage zu decken. Wir werden hier im Blog ein Update einfügen und euch über die sozialen Netzwerke sowie auf unseren Turnierpräsenzen auf dem Laufenden halten, damit ihr nichts verpasst.

 

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