Einen Titel zu gewinnen ist niemals leicht. In keiner Sportart, in keiner Altersklasse, zu keiner Zeit. Einen Titel zu verteidigen, so sagt man, ist hingegen noch viel schwerer. Am 23. März 2016 gelang es mir, bei meinen ersten Deutschen Meisterschaften in Halle an der Saale den Titel des Deutschen B-Jugend Meisters zu erfechten. Das war ein hartes Stück Arbeit, doch das Gefühl des Triumphes war all das harte Training, den Schweiß und auch die Schmerzen wert. Was ich damals noch nicht wußte: Das alles war erst der Anfang.

Mit Eleganz und Köpfchen“, so lautete das Motto dieser B-Jugend Meisterschaften im Florett und dieses Motto deutet es bereits an: Unsere Sportart ist extrem mental. Natürlich braucht man eine stabile Physis, ein gutes Auge, flinke Beine, einen schnellen Arm und ein gewisses Talent; natürlich ist man auf die Erfahrung eines guten Trainers angewiesen, der einen fordert und fördert aber man braucht eben auch das Selbstbewusstsein und den unbedingten Willen jedes Gefecht zu gewinnen, jeden Gegner besiegen zu können.

Mein erstes Turnier nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 2016 war ein Turnier der Youngster-Cup-Serie in Lütjensee bei Hamburg. Es ist Tradition auf den Turnieren dieser Serie, dass die besten Acht jeder Altersklasse namentlich vorgestellt werden. Zu dem 80er-Jahre-Klassiker „The Final Countdown“ von der Band „Europe“ werden alle Fechterinnen und Fechter, die sich bis ins Finale gekämpft haben, aufgerufen. Jeder tritt einen Schritt vor, grüßt Veranstalter, Kampfrichter und Publikum und reiht sich dann wieder ein in die Riege der Finalisten. Als ich an der Reihe war, kündigte mich der Turnierleiter mit den Worten: „...und vom Berliner Fechtclub der Deutsche Meister Leander Helm“ an. Es war mir ein wenig peinlich, derart ins Zentrum der Aufmerksamkeit der gesamten Halle gerückt zu werden, erfüllte mich aber auch mit Stolz. Plötzlich wurde mir klar, das nichts mehr sein würde wie vorher.

Natürlich trifft man sich auf den Turnieren immer wieder, man kennt sich seit Jahren, jeder weiß die Stärken der anderen einzuschätzen. Fechter sind wie eine große Familie, habe ich einmal jemanden sagen hören. Doch der Titelgewinn bei den Deutschen Meisterschaften hob mich nun etwas ab vom Rest dieser Familie. Plötzlich war ich gewissermaßen das Bayern München des Florett Jahrgangs 2003. Die Aufnäher vom Perspektivkader des Deutschen Fechterbundes und vom Leon Paul Team, die jetzt auf meinem linken Arm prangten, taten ihr übriges. Alle guckten auf mich, alle jagten mich, jeder wollte mich schlagen. In Lütjensee schied ich im Halbfinale aus; Justin Arndt aus Quernheim gewann am Ende verdient das Turnier.

Die Saison 2016 / 2017 begann für mich besser. Ich hatte mich ein Stück weit an die neu gewonnene Aufmerksamkeit gewöhnt und konnte einige Turniere gewinnen, darunter auch den Wittenauer Fuchs. Das Ranglistenturnier für alle ostdeutschen Landesverbände ist eines der am stärksten besetzten Turniere der Region.

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Außerdem konnte ich mich beim Internationalen A-Jugend Q-Turnier Münchener Kindl unter die Besten 64 fechten, wodurch ich mich erstmals in einer deutschen Rangliste platzieren und die Startberechtigung zu meinem ersten „European Cadet Circuit“, dem Händel-Cup in Halle, erhielt. Hier mußte ich mich zwar nach der Vorrunde verabschieden, konnte aber immerhin ein Gefecht und dazu viel Erfahrung gewinnen.

Doch eine Saison ist lang und zu Beginn des Jahres 2017 lief es erstmal nicht so gut für mich. Es begann mit einer Erkältung, wodurch ich das Bundesranglistenturnier der A-Jugend in Bad Cannstatt, Stuttgart verpasste. Somit hatte ich keine Chance mehr, mich für die Deutsche A-Jugend Meisterschaft in Schwerin zu qualifizieren.

Auch bei einigen weiteren Turnieren im Februar und März konnte ich nicht immer meine Vorjahresleistungen bringen, auch wenn ich mich im Großen und Ganzen nicht über die Ergebnisse beschweren möchte. Fakt war jedoch: Die Deutsche B-Jugend Meisterschaft rückte unaufhaltsam näher und ich konnte nicht zu meiner Top-Form finden.

Natürlich bemerkten das auch meine Trainer und begannen rechtzeitig, Gespräche mit mir zu führen. Mit einem auf diese Weise gestärkten Bewusstsein für die Problematik begann ich konsequent auf den anstehenden Saisonhöhepunkt hinzuarbeiten. Langsam verbesserten sich auch meine Trainingsleistungen und mit wiedergewonnenem Selbstbewusstsein fuhr ich nach Breslau in Polen zur Challenge Wratislavia.

Dieses Turnier ist durch sein hochklassiges und internationales Starterfeld immer etwas ganz besonderes. Dass die Jahrgänge 2002/2003 gemeinsam fochten, erhöhte die Herausforderung für mich als jüngeren Jahrgang noch zusätzlich. Ich kam mit nur einer Niederlage gegen einen Slovaken gut durch die Vorrunde und erhielt ein Freilos im 256er Direkt Ausscheid. Auch die folgenden beiden KO Gefechte konnte ich noch gewinnen (15:9 im 128er DA gegen einen Ungarn und 15:12 im 64er DA gegen einen Fechter aus Lettland). Im 32er DA wartete dann mit dem Tauberbischofsheimer Paul-Luca Faul ein alter Bekannter auf mich. Nach einem äußerst spannenden Gefecht mußte ich mich am Ende leider knapp mit 14:15 geschlagen geben. Nachdem der erste Frust, den Niederlagen immer mit sich bringen, abgeklungen war, war ich mit dem 22. Platz bei mehr als 200 Startern aber doch ganz zufrieden. Viel wichtiger war, das ich nun endlich meine Form wiedergefunden hatte; die Deutschen B-Jugend Meisterschaften 2017 konnten kommen.

In der Woche vor dem Turnier hatten wir schulfrei, was mir Gelegenheit gab, mich voll auf das Training zu konzentrieren und ausgeruht nach Halle zu fahren. In der Saalestadt angekommen, führte uns unser erster Weg in die Sporthalle Brandberge zur Anmeldung und Materialkontrolle.

Am Morgen des Wettkampfes war ich trotz der guten Vorbereitung einigermaßen aufgeregt. Im Vorjahr hatte ich gleich das erste Vorrundengefecht verloren, das sollte mir nicht noch einmal passieren. Und tatsächlich lief alles wie am Schnürchen, sobald ich die Planche betreten hatte. Mit Beginn der Gefechte fiel alle Nervosität von mir ab und ich spürte gleich in den ersten Kämpfen: Heute könnte mein Tag werden, heute würde ich mich nicht aufhalten lassen.

Es gibt so viele Faktoren, die letztlich über den Sieg bei einem großen Turnier entscheiden. Jeder, der sich für diese Deutsche B-Jugend Meisterschaft qualifizieren konnte, hatte hart dafür gearbeitet und war dementsprechend motiviert. Es gab nach meiner Einschätzung mehr als ein halbes Dutzend Fechter, die sich gute Hoffnung machen durften, hier den Titel zu holen. Was heute den entscheidenden Unterschied machen würde, war unter anderem auch die Tagesform. Und die stimmte an diesem 27. Mai bei mir, das spürte ich. Ohne Niederlage brachte ich die Vorrunde und auch die folgende Zwischenrunde hinter mich. In die anschließenden KO-Gefechte ging ich an Nummer eins gesetzt und konnte mich in drei Kämpfen über den Siegerlauf bis ins 8er Finale fechten.

Bei Turnieren mit Hoffnungslauf müssen diejenigen, die sich auf direktem Wege ins Finale fechten, meistens eine Weile warten, bis sich die restlichen Finalisten über den Hoffnungslauf qualifiziert haben. In einer solchen Situation ist es wichtig, die Ruhephase zu nutzen, ohne die Spannung zu verlieren. Ich wußte das aus Erfahrung und so stand ich ausgeruht und doch hellwach auf der Bahn, als das Viertelfinale begann; am Ende gewann ich souverän mit 10:0. Im Halbfinale traf ich dann zum zweiten mal an diesem Tag auf Justin Arndt. Justin hatte hier in Halle im vergangenen Jahr Bronze gewonnen und wir kennen uns aus dem Perspektivkader. Das erste Duell des Tages hatte ich mit 10:8 für mich entschieden, diesmal setzte ich mich mit 10:7 durch. Nun wartete im Finale der Weinheimer Philipp Sembach auf mich. Bei der letzten Deutschen Meisterschaft hatten wir zweimal gegeneinander gefochten, beide Male konnte ich mich durchsetzen. Allerdings waren wir uns seitdem nicht mehr auf der Planche begegnet und ich mußte davon ausgehen, dass er sich verbessert hatte. Ich will den Verlauf des Gefechts jetzt nicht im Einzelnen schildern, es gibt davon ein Video, da könnt ihr es euch ansehen. Jedenfalls konnte ich auch diesen letzten Kampf gewinnen (10:8) und damit meinen Titel als Deutscher B-Jugend Meister verteidigen.

Das alles schreibt sich im Nachhinein so leicht, aber ich spürte doch deutlich, wie in dem Moment der ganze Druck von mir abfiel, auch wenn mir das vorher gar nicht so bewußt gewesen war. Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich bei meinen Trainern und meinen Trainingskameraden bedanken sowie bei allen Betreuern und auch bei meinen Eltern. Mithilfe dieser Unterstützung konnte ich meine beiden Jahre in der B-Jugend äußerst erfolgreich abschließen. In der kommenden Saison wartet dann bereits die nächste Herausforderung: Die A-Jugend.

Text: Leander und Timo Helm

Videos: Timo Helm, Oliver Gröteke